Gedanken zum VR Hype

Mein unerheblicher Senf zum Thema VR, speziell am PC.

Eins vorweg, ich habe bisher außer mit Cardboard keine aktuelle persönliche Erfahrung was VR betrifft. Ich habe vor knapp 20 Jahren auf einer Messe das VFX-1 mal aufgesetzt (Welches umgerechnet übrigens in etwa ähnlich teuer war mit 1800DM) und ein wenig DOOM gespielt aber das ist natürlich nur schlecht vergleichbar.
Wer also glaubt dass ich aufgrund dieser Tatsache nicht qualifiziert bin überhaupt mitreden zu können der möge an dieser Stelle gerne aufhören zu lesen. Ich möchte ja niemandem seine kostbare Lebenszeit stehlen.

Ich hätte es allerdings gerne mal ausprobiert. Hier wären wir schon beim ersten Kritikpunkt. Wer wie ich nicht auf Messen und die damit verbundenen Menschenmassen steht oder schlicht keine Möglichkeit hat hinzufahren wird auf absehbare Zeit keine Möglichkeit haben eine der tollen neuen VR Brillen in Aktion zu erleben. Es sei denn man kennt jemanden der eine besitzt. Da man eine VR Erfahrung aber nicht vermitteln kann wenn man es nicht selbst ausprobiert, hat man hier ein echtes Problem. Das könnte schnell zum Henne-Ei Problem werden.
Ein zwingend notwendiger Schritt wäre die Versorgung der Elektronikmärkte wie Media Markt oder Saturn mit VR Systemen zum ausprobieren. Welcher Hersteller das stemmen kann wage ich nicht zu prognostizieren. Auf absehbare Zeit wird das aber jedenfalls nichts werden.

Nächster Punkt wären die nötigen Voraussetzungen.
Selbst wenn man aber potentiell Interesse hätte an einem VR System am PC, haben die Wenigsten ein System das in der Lage wäre das zu stemmen. Für VR in der dafür vorgesehenen Qualität benötigt man fast ein System das aktuelle Spiele in WQHD flüssig stemmen kann. Aufgrund möglicher schnell eintretender Übelkeit beim ungenügender Performance ist weniger Leistung nicht empfohlen bzw wird wohl garnicht funktionieren.
Während man für Spiele mit einer Auflösung von 1920 * 1080 Pixeln und einer Bildwiederholrate von 60 Hertz 124 Millionen Pixeln mit Shading-Effekten berechnen muss, so sind es bei einer Auflösung von 2160*1200 bei 90Hertz bereits 233 Millionen Pixel, so Oculus. Im Standard-Maßstab steigt die Anzahl sogar auf 400 Millionen berechnete Pixel an. Die benötigte Rechenleistung, um das VR-Bild flüssig darstellen zu können, verdreifacht sich damit also!
(Quelle)

Betrachtet man sich jetzt dazu die öffentlich einsehbaren Steam Statistiken wird man schnell ernüchtert feststellen dass die Klientel doch vergleichsweise übersichtlich ist wenn man nur die Systeme betrachtet welche die Voraussetzungen erfüllen.

Anscheinend besitzen gerade mal etwa 6% der 161 Millionen Steam Benutzer eine Grafikkarte die VR tauglich wäre. Der Einfachheit halber rechne ich hier mal mit 10 Mio weltweit als potentielle Kunden. Der Rest benötigt zum Teil erhebliche Investitionen in neue Hardware zusätzlich zur VR Brille.

Zu den derzeit horrenden Preisen für eine VR-Brille von derzeit ca 700-900€ käme für Neukunden also bestenfalls noch eine Grafikkarte in der 300€ Klasse (Minimum) dazu, womöglich aber noch mehr Komponenten wie CPU und Speicher. Oder gleich ein neuer PC.

Hier wären wir dann bei einem Grund warum VR derzeit wohl so gepusht wird. In der Branche herrscht geradezu Goldgräberstimmung. Alle erhoffen sich ein riesen Geschäft: Die Hardware Hersteller wie die Gamesbranche. Auch die PC Hersteller erhoffen sich sicher wieder mehr Einnahmen, nachdem die Absatzzahlen bei PCs regelmäßig sinken und auch Windows 10 hier nicht den erhofften Schub gegeben hat.
Viel Unterstützung muss aber noch keinen Erfolg ergeben, der Kunde muss schließlich mitspielen. Das ganze erinnert mich eher an diverse Dotcom Blasen und ähnliche Geschichten wo man anfangs sehr enthusiastisch bei der Sache war.

Aber nehmen wir mal an es wäre genug Kundschaft grundsätzlich bereit so viel Geld in die Hand zu nehmen braucht man aber einen guten Grund das Geld wirklich zu investieren. So beeindruckend die ganzen VR Demos von denen man hört auch sein mögen, aber ist das bisher gesehene wirklich ein guter Kaufgrund?
Wenn man es mit etwas Abstand betrachtet geht das Gameplay dieser VR-Spiele bisher doch kaum über das Niveau von Casual-Spielchen oder Grafikdemos hinaus die nach 10 Minuten wieder vorbei sind. Das mag atmosphärisch beeindruckend sein und spielerisch Neuland, so etwas gab es noch nie. Aber wenn man sich daran mal satt gesehen hat fällt einem das mäßige Gameplay irgendwann umso mehr auf. Dafür gibt man aber doch nicht ernsthaft fast tausend Taler aus?!

Ja natürlich werden auch herkömmliche PC Spiele unterstützt, die sinnvollen Genres sind aber wohl doch recht begrenzt. Shooter und ähnliche Spiele eignen sich für VR meist nicht so wie gedacht da dem Spieler hier oft schnell übel wird durch die Fehlinformationen die das Gehirn bekommt da der Spieler selbst sitzt aber die Figur sich bewegt.
Eigentlich bleiben wohl meist nur Rennsimulationen und Flugsimulationen übrig. Elite: Dangerous z.B. würde ich selbst gerne mal in VR spielen. Aber ob die potentielle Kundschaft da ausreicht für den Markt? Extra für E:D eine Rift zu holen erscheint mir jedenfalls unsinnig.

Hat man genug Hardware und/oder Geld für VR und auch potentielle Lieblingsspiele die man länger spielen würde dann kommt eine weitere Hürde hinzu: Will man sich so ein Teil wirklich aufsetzen bzw hat den Platz dafür? Das HTC VIVE benötigt recht viel Platz da man sich hier auch noch im Raum bewegen kann. Da wirds bei vielen schon eng die nicht mehr Junggeselle sind. Ich kenne persönlich auch fast niemanden der sich z.B. zuhause eine 5.1 Anlage aufgebaut hat am Fernseher. Das benötigt schlicht und ergreifend Platz den die wenigsten Familien ausreichend haben behaupte ich mal. Der Fernseher muss mittig vor der Couch stehen, die Lautsprecher symmetrisch um die Couch und Fernseher herum. Die Surround-Boxen gehören sinnvollerweise nach hinten. Das heißt die Couch muss eher in die Mitte des Wohnzimmers statt an die Wand… wie gesagt eine Menge Aufwand und Platz.

So eine HTC Vive ist also eher was für Single-Haushalte oder Familien mit höherem Einkommen die sich eine ordentlich große Wohnung leisten können. Oder man baut das Ganze nach jedem spielen wieder ab um es das nächste mal wieder aufzubauen, umständlich.

Und selbst wenn man den Platz hat, will man sich ein Gerät auf den Kopf setzen das einen völlig von der Außenwelt abschottet? Ich spiele zuhause mit Kopfhörern weil der Rest der Familie z.B. gerne Fernsehen schaut dabei und ich niemanden stören möchte bzw weil mich der Fernseher stört. Kein Problem, allerdings kommt es doch hin und wieder vor dass jemand etwas von mir möchte und ich das nicht gleich mitbekomme (Frau will reden, Kind kommt nochmal aus dem Bett, solche Sachen eben). Da wird man schon mal durch antippen erschreckt oder jemand fuchtelt im Randbereich des Sichtfeldes mit den Armen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist jedesmal recht unangenehm.
Mit einer VR Brille toppt man das Ganze noch da man hier nun garnichts mehr sieht und hört von seiner Umwelt. Wer, außer Singles, kann oder möchte sowas denn für längere Zeit? Mal übertrieben gesagt, im Ernstfall brennt einem die Bude unter dem Hintern ab und man merkt es erst wenn die Socken bereits rauchen.

So ein Gerät ist auch nicht gerade förderlich für Gesellschaftsspiele. Wenn man sich nicht mal sieht und hört wird gemeinschaftliches spielen kompliziert. Zumal ja nur einer am Gerät ein VR-Headset tragen kann.

Bequem ist sicherlich auch was Anderes. Unter der Brille wird es auf Dauer unangenehm warm und hinterher hat man eine Weile Abdrücke im Gesicht.

Die „Fuchtelsteuerung“ die mit VR wieder Einzug hält hat sich auf den Konsolen auch nie so richtig durchgesetzt. Ob es diesmal besser läuft?

Davon abgesehen dass Menschen die mit VR Brille auf dem Kopf rumzappeln auch irgendwie albern aussehen von außen… 😉

Die Punkte bisher lassen mich schließen dass es sich bei VR Spielen wohl nur um Gelegenheitsspiele handeln wird. Wer möchte denn stundenlang so einen Helm auf dem Kopf haben und von der Außenwelt abgeschottet sein und die Spiele scheinen bisher inhaltlich auch nicht mehr herzugeben. Aber ob genug Menschen so viel Geld ausgeben für so teure Hardware wegen Gelegenheitsspielen?

Selbst wenn alle diese Punkte für den potentiellen Käufer passen sollten, welches System darf es denn dann nun sein? Oculus Rift oder HTC Vive? Samsung Gear VR? Alle haben etwas unterschiedliche Ansätze und exklusive Titel und sind nicht unbedingt miteinander kompatibel. Ich sehe hier inkompatible Konkurrenzsysteme auf uns zu kommen wie bei den Konsolen heute.

Damit das mit VR auf breiter Front was wird müssen die Geräte jedenfalls VIEL(!) billiger werden. Mindestens um die Hälfte der aktuellen Preise! Mir erscheint der angepeilte Preis für das Playstation VR von um die 400€ realistisch. Ich glaube nicht dass man für so eine Spielerei viel mehr verlangen darf wenn man erfolgreich sein möchte auf dem Markt. Ob das machbar ist wird sich zeigen müssen. Soweit mir bekannt ist legen selbst bei den aktuellen Preisen die Hersteller noch drauf bzw sponsert im Fall Rift der dahinter stehende Konzern Facebook.

Die Industrie tut derzeit ihr Möglichstes die Karre möglichst schwungvoll  anzuschieben aber ob der Kunde auch drauf springt? Nicht zu den aktuellen Preisen jedenfalls. Ich bin noch skeptisch, lasse mich aber gerne positiv überraschen. Ich sehe derzeit nicht mal als PC Gamer einen vernünftigen Grund so viel Geld für VR auszugeben. Ein-zwei Spiele würden mich interessieren mal auszuprobieren (Elite Dangerous und Euro Truck Simulator 2 z.B.) aber das reicht mir nicht um über 700 Tacken auszugeben.

Ich persönlich sehe VR auf dem PC eher in einer Nische für Gamer die auch ein Lenkrad / Pedale zuhause haben für Rennspiele oder einen HOTAS Flight Stick für Elite: Dangerous, War Thunder oder dem Digital Combat Simulator (DCS World). Ob der Markt aber ausreicht?

Anders sieht die Prognose mit Playstation VR aus, da besteht ein Markt mit einer Grundlage in Form vorhandener PS4 Konsolen und die Brille hat einen vergleichsweise moderaten Preis von etwa 400€. Die schwächere Leistung im Vergleich zu Rift und Vive scheint wenig zu stören. Leistung ist nicht alles wie die Vergangenheit gezeigt hat. Gut möglich dass sich da die Konkurrenz etwas verkalkuliert hat. Allerdings wird gemunkelt dass die PS4 hier auch hart an der Grenze oder darüber hinaus arbeitet und die Grafik vermutlich zusätzlich runtergeschraubt werden muss bei VR-Titeln wegen der benötigten Mehrleistung. Wird es deshalb gar eine neue Playstation geben müssen? Man munkelt von einer PS4.5.

Zusammengefasst sehe ich also folgende Probleme:

  • Fehlende Werbung in Form von Testgeräten um den breiten Markt zu überzeugen.
  • (Noch) sehr teuere Anschaffungskosten der Geräte, dazu noch der benötigte Platz (HTC Vive).
  • Einschränkung der potentiellen Kundschaft durch den Leistungshunger. Evtl weitere Investitionen der Käufer nötig.
  • Fragmentierung des Marktes in unterschiedliche Hersteller dessen Spiele nicht kompatibel sind anstatt einer gemeinsamen Basis.
  • Die zunächst beeindruckenden VR Spiele haben spielerisch zumeist eher das Niveau von Grafikdemos oder Casual-Spielchen.
  • Überschaubarer Katalog an sinnvoll nutzbaren PC Spielen, zumeist Rennspiele und Flugsimulatoren.
  • Abschottung von der Außenwelt nicht jedermanns Sache und evtl sogar gefährlich.
  • Auf dauer unbequem zu tragen (Hitze unter der Brille und Abdrücke im Gesicht)
  • Sieht doof aus 😉

Wie es wirklich weiter geht wird die Zukunft zeigen. Wer weiß, vielleicht erleben wir ja gerade eine Pionierzeit wie seinerzeit beim Aufkommen der Personal Computer und ersten Konsolen in den späten 70ern und 80ern? Spannend wird es auf jeden Fall.

Weitere interessante Links:

VR-Headsets sind ungesund und sollten daher verboten werden

Nvidia-CEO Jen-Hsun Huang – Virtual Reality braucht noch 20 Jahre

Test: Oculus Rift

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2 Kommentare zu “Gedanken zum VR Hype”

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