Sprachfeminismus oder wenn Geschlecht mit Grammatik verwechselt wird

Wenn Sexus mit Genus verwechselt wird.

Wer kennt nicht diese mittlerweile auf politisch korrekt getrimmten, zum Teil ziemlich holperig zu lesenden Texte wie

  • Die Schülerinnen und Schüler werden gebeten, zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern …
  • Der Parkplatz vor dem Hauptportal ist den LehrerInnen vorbehalten.
  • Zu den Aufgaben des Hausmeisters / der Hausmeisterin gehört …
  • Jede/r Schüler/in ist verpflichtet, …
  • Jede(r) Bürger(in) hat das Recht, …
  • Die Studierenden protestierten gegen weitere Kürzungen …
  • Interessierte können sich unter der Telefonnummer …

 

In den letzten Jahren hat man das Gefühl dass der Trend zur „Political Correctness“ immer extremere Formen annimmt. Um gar keinen Preis möchte man  in irgendeiner Form durch politisch unkorrekte Ausdrucksformen auffallen. Die Bevölkerung ist zutiefst verunsichert bei der Frage was denn nun richtig ist. Der Negerkuss ist schon lange Geschichte und der Neger als solcher ist jetzt wahlweise ein Schwarzer (darf man eigentlich auch nicht mehr sagen), Farbiger (welche Farbe ?), Dunkelhäutiger, Afrikaner oder Afroamerikaner (in den USA), Afrodeutscher (Sagt das jemand ?), Maximalpigmentierter (eher nicht) oder Mensch mit afrikanischem Migrationshintergrund oder was auch immer. Man sieht die Verunsicherung ist groß. Auch zeitgenössische Literatur wird nachträglich auf politisch korrekt getrimmt wie Pippi Langstrumpfs Vater neulich erfahren musste.  Der Zigeuner bzw deren Schnitzel ist auch im Rückzug begriffen, der Eskimo fühlt sich ebenfalls nicht ganz wohl und möchte lieber als Inuit bezeichnet werden und dergleichen mehr. Sachliche Diskussionen darüber sind kaum möglich weil irgendwann unweigerlich mit der Rassismuskeule geschwungen wird.

In die gleiche Kerbe schlägt auch die Genderdebatte. Und auch hier ist vernünftiges argumentieren schwierig ohne in Gefahr zu laufen verdächtigt zu werden man wäre sexistisch eingestellt.

In Wirklichkeit findet derzeit in dieser Form eine Art Sprachvandalismus statt. Durch die derzeitige praktizierte Doppelnennung in maskuliner und femininer Form geht langsam die eigentliche übergeschlechtliche Bedeutung des maskulinen Genus allmählich verloren. In Wirklichkeit wird hier der Sexismus nicht aus der Sprache entfernt sondern erst eingeführt. Hatte man früher die Möglichkeit sich sachlich und geschlechtsunabhängig über Menschengruppen zu äußern wird das mit der in der zur Zeit praktizierten Form nicht mehr möglich sein ohne oben lesbare Sprachverrenkungen. Desweiteren entsteht eine gefährliche Diskrepanz zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Viele dieser modernen Satzungetüme kann man überhaupt nicht laut lesen.

Für mich war seit meiner Schulzeit eigentlich immer klar dass „der Arzt“ „der Apotheker“ oder „der Lehrer“ nicht zwingend ein Mann sein muss sondern dass dies Berufsbezeichnungen sind die nunmal einen männlichen Artikel besitzen wie z.B. auch „der Tisch“ oder „der Stuhl“ oder dass es bei Tieren „der Elefant“ und „der Hamster“ etc. heißt. Genauso gibt es ja auch  „die Maus“, „die Ratte“ und „die Eidechse“ wenn auch das „generische Maskulinum“ eher verbreitet ist. Sehr deutlich wird dies übrigens beim Militär, heißt es hier immer noch „Frau Hauptmann“ und nicht „Frau Hauptfrau“. Hier ist (noch) klar dass „der Hauptmann“ nur die Berufsbezeichnung bzw den Rang darstellt und keine biologische Einstufung.

Es ist ja noch nachvollziehbar dass das Volk verunsichert ist wie mit dem Genus grammatikalisch umzugehen ist. Aber unsere Vordenker sollten doch wenigstens ihren Job richtig können. Aber wenn selbst deutsche Professoren (egal welchen Geschlechts) den Unterschied zwischen Sexus und Genus nicht kennen dann wirft das ein bezeichnendes Licht auf den deutschen Bildungsstand (Gibt es eigentlich noch die PISA Studien ?).  Oder auch wie gefangen man mittlerweile ist in der Political-Correctness-Ideologie wenn sogar die geistige Elite die einfachsten Tatsachen nicht mehr erkennt.

Warum das Alles eine furchtbare Sprachpanscherei ist und was daran unkorrekt ist, wird hier sachlich und sehr ausführlich dargelegt:

http://www.schriftdeutsch.de/orth-fem.htm

Ein Auszug aus dem Artikel:

Um einschätzen zu können, ob ein generisches Maskulinum wirklich als Bezeichnung einer biologisch männlichen Person verstanden wird, schauen wir uns zunächst in den folgenden sechs Sätzen das grammatisch „männliche“ Wort Lehrer an; verwendet wird es einmal mit unbestimmtem Artikel (ein), dreimal mit bestimmten Artikel (des, der, der), einmal im Plural (hier ohne Artikel) und einmal verbunden in einem Kompositum:

  • Ein Lehrer muß mit Schülern aller Altersstufen umgehen können.
  • Der Beruf des Lehrers findet immer weniger Anerkennung.
  • Der Lehrer verließ das Klassenzimmer als letzter.
  • Der Lehrer hat das Klassenzimmer immer als letzter zu verlassen.
  • Lehrer und Schüler sind in diesem Gremium zu je 50% vertreten.
  • Im Lehrerzimmer darf nicht geraucht werden.

Gefragt, welche dieser sechs Sätze Lehrer beiderlei Geschlechts und welche nur Männer meinen, antworten fast alle Leser, nur der dritte Satz meine einen Mann, die übrigen fünf aber Männer und Frauen. Auf der Suche nach dem Grund dieses Sprachempfindens fällt eines auf: Nur der dritte Satz meint einen bestimmten (mit Namen benennbaren) Lehrer, die anderen hingegen den Lehrer schlechthin („generisch“) – und deshalb auch all Lehrerinnen. Warum aber sollten nur bestimmte Lehrer Männer sein – und warum sollten sie überhaupt Männer sein?

Ebenso hervorragend:

http://www.bruehlmeier.info/sprachfeminismus.htm

Auch hiervon ein Auszug:

Tatsächlich beruht die Forderung nach einer konsequenten Doppelnennung menschlicher Funktionsträger auf einem fundamentalen sprachwissenschaftlichen Irrtum. Die Fehlüberlegung besteht in der Gleichsetzung von biologischer Geschlechtlichkeit und grammatikalischem Genus. Diese Gleichsetzung ist aber unstatthaft, denn es gibt ja drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aber bloss zwei Geschlechter. Auch wird allem Ungeschlechtlichen (der Ofen, die Wolke, das Fass) ein Genus beigeordnet, was wiederum zeigt, dass biologisches Geschlecht und grammatikalisches Genus keinesfalls gleichgesetzt werden dürfen.

 

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4 Kommentare zu „Sprachfeminismus oder wenn Geschlecht mit Grammatik verwechselt wird“

  1. Ich bin auch kein Freund vieler aktueller Genderizismen (wenn auch aus anderem Grund); dennoch würde ich diesem Artikel in seinen grundlegenden Argumentationspunkten widersprechen.

    1.) Es wird angeführt, daß sich das generische Maskulinum ja nicht auf biologische Geschlechter beziehe, daß also Bezeichnungen wie der Lehrer Frauen mit einschließen. Nun fällt das generische Maskulinum ja nicht vom Himmel; eine Gesellschaft hat willkürlich entschieden, daß Funktionsträger und Berufe bevorzugt, oder sogar ausschließlich, mit dem Maskulinum belegt werden. Das generische Maskulinum ist also keineswegs neutral; die getroffene Entscheidung spiegelt wider, wie diese Gesellschaft die biologischen Geschlechter einschätzt, und welches Geschlecht sie primär in wichtigen Funktionen „denkt“.

    2.) Grammatik ist kein Selbstzweck, existiert nicht in einem Kosmos jenseits der Bedeutungen; sie bestimmt die Semantik. Man kann die grammatikalische Form darum eben nicht als irgendwie „neutral“ oder „harmlos“ abtun – die klare Scheidung zwischen Sexus und Genus, wie sie die hier angeführten Autoren anführen, trügt.

    3.) Das erste Zitat belegt das im Grunde sogar (vermutlich von den Autoren ungewollt). „Warum aber sollten nur bestimmte Lehrer Männer sein – und warum sollten sie überhaupt Männer sein?“ Nun, wenn das so ist, warum sollte dann ausgerechnet das generische Maskulinum als Berufsbezeichnung dienen? Warum kein generisches Femininum? Daß das nicht vorkommt, ist nicht so bedeutungslos, wie die Zitate suggerieren wollen.

    4.) Das Argument, Frauen würden im generischen Maskulinum mit eingeschlossen („wir verstehen ja, daß nicht bloß Männer gemeint sind“), trägt daher nicht. Daß es eben nicht bloß ein neutral gemeinter Genus ist, zeigt sich am Aufruhr, der dann entsteht, wenn z.B. Feministinnen mal den Spieß umdrehen und alle generischen Maskulina durch Feminina ersetzen. Plötzlich setzen die empörten Männer Genus und Sexus dann sehr wohl gleich. Was sie den Frauen als selbstverständlich zumuten – sich als Sexus unter dem gegengeschlechtlichen Genus subsumieren zu lassen – stört sie, sobald es auf sie selbst angewendet wird. Daß „biologisches Geschlecht und grammatikalisches Genus keinesfalls gleichgesetzt werden dürfen“, vergessen männliche Sprachwissenschaftler in dem Fall auf der Stelle. Beispiel: Die oben angeführten Sätze meinen – mit einer Ausnahme – alle Lehrer, also auch die Lehrerinnen. Wenn das in Ordnung so ist, weshalb die Panik, daß es umgekehrt würde? Es wären dann eben alle Lehrer mitgemeint, wenn von Lehrerinnen die Rede ist. Daß sich angesichts einer solchen Möglichkeit gerade die aufregen, die finde, es sollte für Frauen doch okay sein, ist entlarvend.

    5.) Insofern verlagern die angeführten Argumente unzulässig die Betrachtungsebene, um die Gegenseite fälschlich als dumm darstellen zu können. Sie behaupten, der Genus sei bedeutungslos für den Wert, der inhaltlich einem Sexus zugewiesen wird, um an einer durchaus sexistischen Sprache als einer „harmlosen“ festhalten zu können.

    6.) Denn: daß hier eine „Fehlüberlegung“ vorläge, die „in der Gleichsetzung von biologischer Geschlechtlichkeit und grammatikalischem Genus“ bestünde, ist eine verschleiernde Behauptung. Sie suggeriert, Grammatik sei eine objektive Ordnung (etwa mit Mathematik vergleichbar), die von den Veränderern bloß nicht verstanden würde, und die sich neutral zu Wertungen (hier: der biologischen Geschlechter) verhielte. Dies täuscht darüber hinweg, daß auch die grammatikalischen Regeln willkürlich gesetzt sind, und zwar vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ideologien.

    7.) Zu guter Letzt: Sprache verändert sich ständig. Überhaupt von „Sprachvandalismus“ zu sprechen, ist daher absurd. Es würde bedeuten, daß unsere Sprache die Vandalenversion des Deutschen sei, das Goethe gesprochen hat, usw.; schon jemand, der das Wort „Keks“ verwndet, wäre demnach ein Vandale, da es vom englischen „cake“ abstammt.

    1. „Nun fällt das generische Maskulinum ja nicht vom Himmel; eine Gesellschaft hat willkürlich entschieden, daß Funktionsträger und Berufe bevorzugt, oder sogar ausschließlich, mit dem Maskulinum belegt werden.“

      Das wird wohl sogar stimmen. Nichtsdestotrotz wird die Debatte nicht ehrlich geführt. Die Argumentation ist einfach nicht schlüssig.

      „Grammatik ist kein Selbstzweck, existiert nicht in einem Kosmos jenseits der Bedeutungen; sie bestimmt die Semantik. Man kann die grammatikalische Form darum eben nicht als irgendwie „neutral“ oder „harmlos“ abtun – die klare Scheidung zwischen Sexus und Genus, wie sie die hier angeführten Autoren anführen, trügt.“

      Also mir ist vollkommen schleierhaft wie man überhaupt auf die Idee kommen kann Sexus und Genus zu verwechseln. Folgendes Zitat beschreibt es meiner Meinung nach unmissverständlich:

      „Es ist nicht schwer zu verstehen, daß das natürliche Geschlecht (Sexus) nicht mit dem grammatischen (Genus) gleichsetzbar ist: Zwar ist der Mann männlich und die Frau weiblich, aber die Waise, die Geisel und die Person sind nicht unbedingt weiblich, die Drohne ist eine männliche Biene, der Tisch, Stuhl, Computer, Garten etc. sind nicht wirklich männlich, und das Mädchen und das Pferd, Schaf etc. sind keineswegs geschlechtslos bzw. sächlich. Sexus und Genus stimmen also nicht überein.“

      Was nie ein Problem war und jedem eigentlich sofort einleuchten muss ist jetzt aber bei Bezeichnungen von Personengruppen plötzlich ein Problem. Das finde ich jedenfalls nicht sonderlich logisch.

      “ Wenn das in Ordnung so ist, weshalb die Panik, daß es umgekehrt würde? Es wären dann eben alle Lehrer mitgemeint, wenn von Lehrerinnen die Rede ist. Daß sich angesichts einer solchen Möglichkeit gerade die aufregen, die finden, es sollte für Frauen doch okay sein, ist entlarvend.“

      Nein man regt sich auf weil es einfach falsch, unlogisch und unehrlich ist:

      „Die geschlechtsneutrale bzw. übergeschlechtliche Bedeutung der Personenbezeichnungen wird gestützt durch die Art ihrer Wortbildung: Der (männliche oder weibliche) Betreiber einer Farm ist bekanntlich ein Farmer und ein Gitarrenspieler ein Gitarrist etc. Würden die Endungen er und ist männliche Personen bezeichnen, dann sollte man annehmen, daß die eine Frau meinende Endung in nicht an eine vermeintlich männliche Endung angehängt wird (was gleichzeitig beide Geschlechter bezeichnen würde), sondern statt dieser direkt an Bau, Farm, Gitarre, Jura, Kunst etc.; das ergäbe dann: *Bäuin, Farmin, Gitarrin, Jurin, Künstlin etc. Natürlich nennt man solche Frauen Bäuerin, Farmerin, Gitarristin, Juristin, Künstlerin etc. – eben weil die Endung in an ein geschlechtsneutrales Nomen agentis angehängt wird.“

      und

      „Die Professorin bzw. Dozentin, Rektorin etc. ist durch das Suffix in als biologisch weiblich markiert. Diese Wortbildung (bzw. Movierung“) bewirkt dasselbe wie eigene Wörter für die Geschlechter von Haustierarten: die Sau, die Färse, die Kuh, die Stute sind ausschließlich weibliche Tiere, umgekehrt sind der Bulle bzw. der Stier, die Drohne, der Hengst, der Eber bzw. der Keiler etc. männliche Tiere. Niemand (oder etwa doch in Leipzig?) käme auf die Idee, diese Bezeichnungen generisch für beide Geschlechter zu verwenden: Eine Stute ist immer ein weibliches Pferd, so wie eine Frau immer ein weiblicher Mensch ist. Ebenso unsinnig wäre es folglich, mit Professorin beide Geschlechter bezeichnen zu wollen. Im Vergleich zu einer generischen Stute wäre eine generische Professorin allerdings doppelt widersinnig: Zunächst wird diese durch die Endung in biologisch weiblich markiert, anschließend soll diese Geschlechtsmarkierung in einem zweiten Schritt wieder rückgängig gemacht werden, um beide Geschlechter zu bezeichnen.“

      Hätte man sich nicht so in den Endungen verbissen und sich mehr auf das Problem der anscheinend willkürlichen Vergabe von Artikeln konzentriert und auf die Professor, die Dozent und die Rektor bestanden wäre die Debatte meiner Meinung nach viel ehrlicher und nachvollziehbarer. Aber an den Grundfesten der deutschen Grammatik möchte man wohl doch nicht rütteln.

      1. Ich habe eine ausführlichere Antwort mal unter meinen Blogartikel gesetzt, da Du deine Antwort ja dort noch einmal eingefügt hast; hier nur ein paar Punkte, die ich dort nicht angesprochen habe.

        Vorab: Grundsätzlich stimme ich Dir ja zu, daß das Gepfriemel an den Endungen nichts bringt. Ich finde nur die Argumente in den zitierten Texten irgendwie dubios; sie scheinen mir wie der Versuch, über das eigentliche „Problem“ hinwegzutäuschen bzw. es zu leugnen. Dieses besteht darin, daß das Nomen agentis „zufällig“ regelmäßig die ebenfalls dem biologischen Mann zugedachte Form abbildet, also keineswegs „neutral“ ist (inhaltlich bzw. als Vorstellungsbild wird die generische Form der maskulinen gleichgesetzt, einzelne biologische Frauen müssen sprachlich „aussortiert“, als Sonderfall behandelt werden). Die Grammatiktorhüter leugnen diesen Umstand, indem sie z.B. behaupten, weil „der Doktor“ als gruppenumfassendes Neutrum definiert sei, umfasse die Bezeichnung beide Geschlechter gleichberechtigt. Sie machen gewissermaßen einen in der grammatikalischen Regel verankerten Betrug mit (ob absichtlich, oder weil sie selbst auf ihn hereinfallen, mal dahingestellt).

        Aber im Einzelnen:

        „Nein man regt sich auf weil es einfach falsch, unlogisch und unehrlich ist:“

        Ich verstehe nicht, wo der Vorwurf der „Unehrlichkeit“ herkommt. Unehrlich zu sein setzt voraus, bewußt zu lügen – d.h. den Unterschied zwischen Genus und Sexus zu kennen, und absichtlich darüber hinwegzutäuschen. Die Leute, die nach genderneutraleren Sprachregeln suchen, sollen aber gleichzeitig diesen Unterschied nicht kennen/verstehen. Entweder kapieren sie’s nicht, oder sie wissen es, und lügen. Beides geht nicht, und wäre ein Widerspruch in sich.

        Weiter: „Falsch“ kann es auch nur gemessen an einem absolut objektiven Kriterium sein, d.h. verglichen mit einer Wahrheit, die unabhängig von subjektiven Faktoren zutrifft (also prinzipiell „richtig“ ist). Grammatik ist aber willkürliche Regelung, Konstrukt. Selbst wenn man die Aussage zuläßt, daß es eben innerhalb der jetzigen grammatikalischen Konstruktion – also relativ zu ihr – „falsch“ sei, müßte man die Möglichkeit zugeben, daß die Gegenseite vielleicht eben diese Konstruktion ändern will. Dagegen kann man ja gern argumentieren – darf dann aber nicht so tun, als sei die Unveränderlichkeit ein Naturgesetz, gegen das die Neuerer verstoßen, und zugleich zu blöd sind, es zu verstehen. Dann muß man Farbe bekennen und sagen, daß man nichts ändern will – weil man sich mit der alten Regelung häuslich eingerichtet hat, oder weshalb auch immer.
        Zum Vergleich: In der guten, alten Zeit, als die ersten impressionistischen, expressionistischen und abstrakten Maler auftraten, hielt man ihnen entgegen, sie könnten bloß nicht malen – gemäß der bisherigen Regeln, wie man malen „sollte“. Tatsächlich verstießen sie bewußt gegen diese Regeln – was legitim ist. Ebenso legitim wäre gewesen, gegen den Regelverstoß zu protestieren, wozu man aber offen hätte sagen müssen, warum man ihn nicht wünscht. Den „Übeltätern“ stattdessen einfach Inkompetenz zu unterstellen, ist entweder ein Schwindel oder zeugt von einem völlig unreflektierten Verhältnis zum konstruierten, willkürlichen Charakter der Regeln, auf die man pocht.

        Schummeleien oder Inkompetenzen, derer sich die Vertreter des grammatikalischen Reinheitsgebots selbst schuldig machen, lassen sich auch an ihren eigenen Beispielen aufzeigen. Sie mogeln sich über den Umstand hinweg (oder bemerken ihn nicht), daß das „geschlechtsneutrale“ Nomen agentis (Der Bauer, Lehrer, Arbeiter etc.) so festgelegt ist (willkürlich), daß es regelmäßig der nicht geschlechtsneutralen männlichen Form für die Einzelperson entspricht. Das dem so sein müsse, ist kein Naturgesetz; eine Aussage wie „Natürlich nennt man solche Frauen Bäuerin“ daher unzutreffend, denn der Grund, daß die Formen so gebildet werden, ist nicht naturgegeben, sondern verfügt. Hier davon zu sprechen, etwas sei „natürlich“ so, ist immerhin ein Indiz für fehlende Reflexion; will man es als bloße sprachliche Gewohnheit abtun, nicht stattdessen z.B. „selbstverständlich“ zu sagen, spräche es immer noch für Schlamperei, für unpräzise Ausdrucksweise. (Nebenbei: so richtig grammatikalisch sattelfest scheinen diese Burschen auch nicht zu sein, denn „diese Frauen“ müßte man „Bäuerinnen“ nennen, oder wie werden die plötzlich singulär? Kann man die ineinanderstecken wie so russische Holzpüppchen? Und wie kommen sie auf „Bäuin“ statt, wenn sie schon so anfangen, auf „Bauin“? Wären sie hier konsequent, müßten sie das ä wegschmeißen.)

        Zuletzt noch als reine Kopie von „drüben“: Daß etwas (der Tisch, das Mädchen usw.) nicht wirklich männlich, weiblich oder sächlich sei, ist ebenfalls ein irrelevanter Einwand. Man könnte das ändern, z.B. Sachen und Personen getrennt behandeln, und bei Sachen konsequent z.B. „das Tisch“, oder – unter Weglassung der weiblichen Endung „e“ – „das Gitarr“ sagen usw. Dagegen kann man einwenden, daß man das nicht will; und ich wäre vermutlich der erste, der die resultierenden Wortbildungen als unschön ablehnt. Man soll sich aber doch nicht wie die Autoren der zitierten Texte so aufspielen, als verteidige man eine naturgegebene, und per se nicht anfechtbare Ordnung. Das ist Grammatik nicht. Und das Beharren auf den „richtigen“ Regeln lenkt letztlich nur davon ab, daß diese in Bevorzugung des Maskulinums konstruiert sind, bzw. „rein zufällig“ vorschreiben, es identisch zur geschlechtsneutralen Form zu bilden.

  2. Ich hatte eigentlich vor detaillierter zu antworten und hatte mir schon einiges zurecht gelegt aber am Ende läuft doch alles darauf hinaus dass man das mit ein bisschen guten (oder bösen) Willen auch anders verstehen kann wenn man denn möchte da die deutsche Sprache (anscheinend nicht nur die) hier bemerkenswert unpräzise ist.

    Dass in der Vergangenheit diverse Rechtsprechungen mutwillig zuungunsten von Frauen getätigt wurden (https://de.wikipedia.org/wiki/Generisches_Maskulinum) ist auch nicht gerade hilfreich bei der Diskussion.

    Eine Lösung mit der ich leben könnte wäre eine konsequente Vergabe neuer neutraler Sammelberiffe wie es zum Teil ja auch geschieht. Man kann ja die bisherigen Bezeichnungen beibehalten wie Student / Studentin bei direkter Ansprache. Als Sammelbegriff jedoch Studierende.

    Statt Bauer evtl als Sammelbegriff Landwirt aber direkt genannt immer noch Bauer oder Bäuerin.
    Mal so dahingesponnen, darauf könnte man aufbauen.

    Jedenfalls besser als diese unleserlichen Sprachvergewaltigungen mit Beidnennungen oder „-innen“ oder „Innen“ welches ich beides konsequent ablehne.

    Als versöhnlichen Abschluss noch ein Wikipedia Zitat den ich unterschreiben kann:
    „Die ETH Zürich empfiehlt in der achten ihrer Zwölf Sprachregeln: „Wenn Sie einen Text zuerst in der männlichen Form erarbeiten und die weibliche Form erst nachträglich ergänzen, wirkt dies meist langweilig, aufgesetzt und schwerfällig.“ Man solle also nicht mit dem Satz „Die Teilnehmer des Seminars sind berechtigt, die Software zu benutzen“ beginnen und ihn in „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars sind berechtigt, die Software zu benutzen“ umformulieren, sondern gleich „Die Teilnahme am Seminar berechtigt zur Benutzung der Software“ schreiben.

    Das Goethe-Institut empfiehlt Kreativität, um einerseits „eine gute gendergerechte Sprache“ zu erreichen und um andererseits zu vermeiden, dass „gendergroteske Sprachirrungen“ entstehen, die zur „eigenen Karikatur“ werden und den Sprachfluss zerstören.“

    Als Nachtrag dazu allerdings noch ein Hinweis. Wenn im Zuge der aktuellen Änderungen das generische Maskulinum aussterben sollte besteht die Wahrscheinlichkeit dass man alte Texte wohl in einem ganz anderen Kontext sieht als sie ursprünglich gemeint waren. War z.B. der „Neger“ (Was dem Wortstamm nach auch nur „Schwarzer“ heißt) vor hundert Jahren noch das gebräuchliche Wort für Schwarze und nicht zwingend rassistisch gemeint (Das Wort wurde auch von Schriftstellern gebraucht denen man nicht nachsagen würde rassistisch zu sein) so hat das Wort mittlerweile den Stellenwert des amerikanischen „Nigger“ und wird sogar in alten Kinderbüchern zensiert. Man wird in Zukunft wohl in jeden Text die unterdrückte Frau hineininterpretieren. Aber der Sprachwandel ist wohl generell ein Problem mit alten Texten.

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